Die Wahlverwandtschaften (2012)

Goethe_die_wahlverwandtschaften_erstausgabe_1809
Allgemeines

Finan­ziert durch die Initia­ti­ve ‘Sti­pen­dia­ten machen Pro­gramm’ der Stu­di­en­stif­tung des deut­schen Vol­kes e.V., fand der Work­shop zu Johann Wolf­gang Goe­thes Roman Die Wahl­ver­wandt­schaf­ten (1809) am 21. und 22. April 2012 im Ber­li­ner Büro der Stu­di­en­stif­tung statt.

Orga­ni­sa­ti­on: Wolf­gang Hott­ner, Jan Lietz, Micha Huff, Ama­de­us Haux
Gäs­te: Prof. em. Dr. Ger­hard Neu­mann, Prof. Dr. Ern­st Oster­kamp
Teil­neh­men­de: Alex­an­der Bro­ed­ner (Ber­lin), Oli­ver Grill (Mün­chen), Eli­as Kreuz­mair (Mün­chen), Andre­as Lei­din­ger (Ber­lin), Anton Plusch­ke (Ber­lin), Jen­ni­fer Rein­hardt (Göt­tin­gen), Wieb­ke Schuldt (Ber­lin), Astrid Schwa­ner (Göt­tin­gen), Nele Solf (Ber­lin), Johan­nes Sudau (Ber­lin), Hele­ne Wczes­niak (Köln).


Ankündigung

Am 1. Juni 1809 schreibt Goe­the über sei­nen Roman „Die Wahl­ver­wandt­schaf­ten“ in einem Brief an sei­nen Freund Karl Fried­rich Zel­ter: „Ich habe viel hin­ein­ge­legt, man­ches hin­ein ver­steckt. Möge auch Ihnen dies offen­ba­re Geheim­nis zur Freu­de gerei­chen.“
Seit gut 200 Jah­ren ver­liert die­ses Werk nichts an sei­ner geheim­nis­vol­len Strahl­kraft. Die wie in „Stru­deln krei­send ver­sin­ken­de“ Roman­welt, wie Wal­ter Ben­ja­min Goe­thes „bes­ten Roman“ tref­fend beschrie­ben hat, gilt als der meis­t­in­ter­pre­tier­te Text der deut­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te.

Goe­the kris­tal­li­siert in den „Wahl­ver­wandt­schaf­ten“ das natur- und kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Wis­sen sei­ner eige­nen Epo­che; der Roman ist ein unver­gleich­li­ches Expe­ri­ment, das die eige­ne geschicht­li­che Gegen­wart vor dem tur­bu­len­ten Hin­ter­grund der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und der auf sie fol­gen­den poli­ti­schen Neu­ord­nung Euro­pas zu fas­sen ver­sucht, sich zugleich aber von ihr weg­schreibt. Ein Ver­su­ch, der in sei­ner Radi­ka­li­tät der Dar­stel­lun­gen und der Nar­ra­ti­on wohl ohne Nach­fol­ger geblie­ben ist. Das Werk ist ein Pris­ma des Wan­dels und der Beschleu­ni­gung der Sat­tel­zeit – ein Text, der in sei­nen selbst­re­fle­xi­ven Bre­chun­gen pro­vo­ziert, und längst selbst zu einen Gleich­nis gewor­den ist in der Rede über den Anbruch des moder­nen Erzäh­lens.

Der Roman eig­net sich des­halb her­vor­ra­gend, um inter­dis­zi­pli­nä­re Fra­ge­stel­lun­gen an ihn her­an­zu­tra­gen. Der Work­shop möch­te die Fra­gen, die in den Semi­na­ren in Göt­tin­gen, Ber­lin und Mün­chen auf­ge­wor­fen wur­den, erneut auf­grei­fen, sowie die indi­vi­du­el­len Schwer­punk­te der ein­zel­nen Semi­na­re in eine brei­te­re Dis­kus­si­on stel­len. Mit Goe­the kann man sagen: „Es gilt also auch hier was bei so vie­len andern mensch­li­chen Unter­neh­mun­gen gilt, daß nur das Inter­es­se meh­re­rer auf einen Punct gerich­tet etwas Vor­züg­li­ches her­vor­zu­brin­gen im Stan­de sei.“


Reader
  • Rein­hart Kosel­leck: Erfah­rungs­raum und Erwar­tungs­ho­ri­zont
  • Fried­rich Kitt­ler: Otti­lie Haupt­mann
  • David Well­ber­ry: Wahl­ver­wandt­schaf­ten 1809
  • Ern­st Oster­kamp: Ein­sam­keit und Ent­sa­gung in Goe­thes Wahl­ver­wandt­schaf­ten
  • Hel­mut Hühn: Ein “tra­gi­scher Roman”? Über­le­gun­gen zu einem Roman­ex­pe­ri­ment
  • Ger­hard Neu­mann: Wun­der­li­che Nach­bars­kin­der. Zur Insze­nie­rung von Wis­sen und Erzäh­len
  • Jose­ph Vogl: Der öko­no­mi­sche Men­sch
  • Bri­git­te Peu­cker: The Mate­ri­al Image in Goethes’s Wahl­ver­wandt­schaf­ten
  • Gabrie­le Brand­stetter: Ges­ten des Ver­feh­lens

Bericht

Am 21./22. April 2012 wur­de im Rah­men von „Sti­pen­dia­ten machen Pro­gramm“ ein lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­ches Kol­lo­qui­um zu Goe­thes Roman Die Wahl­ver­wandt­schaf­ten ver­an­stal­tet, zu dem wir uns gemein­sam mit 13 Stu­die­ren­den aus Ber­lin, Mün­chen, Göt­tin­gen und Köln  durch Unter­stüt­zung des Ber­li­ner Büros der Stu­di­en­stif­tung im Kon­fe­renz­raum „Tau­ben­schlag“ ein­fan­den.

An zwei Tagen dis­ku­tier­ten wir inten­siv über Goe­thes epo­che­ma­chen­des Werk von 1809. Für den Sams­tag konn­ten wir mit Prof. Dr. Ger­hard Neu­mann einen der renom­mier­tes­ten deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und aus­ge­wie­se­nen Goe­the-Exper­ten gewin­nen. Nach Neu­manns ein­füh­ren­den Über­le­gun­gen, die vor allem poe­to­lo­gi­sche Aspek­te in den Fokus rück­ten, beglei­te­te er uns durch die Dis­kus­si­on des his­to­ri­sch-epis­te­mo­lo­gi­schen Ortes, der media­len Dis­po­si­ti­ve und der Figu­ren­kon­stel­la­ti­on des Romans. Außer­dem hör­ten wir von Sei­ten der Teil­neh­men­den Refe­ra­te zu eini­gen para­dig­ma­ti­schen For­schungs­tex­ten über Die Wahl­ver­wandt­schaf­ten.

Für den Sonn­tag fand sich Prof. Dr. Ern­st Oster­kamp bereit, den Roman kennt­nis­reich hin­sicht­li­ch sei­ner bio­gra­phi­schen, rhe­to­ri­schen und gat­tungs­spe­zi­fi­schen Dimen­si­on zu unter­su­chen. Die Abschluss­dis­kus­si­on wur­de wesent­li­ch durch Über­le­gun­gen zu metho­di­schen Aus­rich­tun­gen der lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen For­schung bestimmt. Als meis­t­in­ter­pre­tier­ter Text der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur­ge­schich­te eig­ne­te sich der Roman als Prüf- und Stol­per­stein in beson­de­rem Maße dazu, die Per­spek­tiv- und Mög­lich­keits­viel­falt unse­res Faches aus­zu­leuch­ten.

Die Idee zu einer der­ar­ti­gen Ver­an­stal­tung ent­stand wäh­rend des Auf­takt­tref­fens des vier­ten Geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Kol­legs in Wit­ten­berg im Herbst 2011. Im Gespräch ergab sich, dass an den Uni­ver­si­tä­ten in Ber­lin, Göt­tin­gen und Mün­chen im anbre­chen­den Win­ter­se­mes­ter jeweils ein Haupt­se­mi­n­ar zu Goe­thes Wahl­ver­wandt­schaf­ten statt­fin­den wür­de. Die­se glück­li­che Gele­gen­heit leg­te nahe, die jewei­li­ge Aus­ein­an­der­set­zung nach Semes­ter­en­de in Aus­tau­sch zu brin­gen und gemein­sam her­aus­zu­ar­bei­ten, wel­che metho­di­schen Ansät­ze für eine Ana­ly­se pro­duk­tiv gemacht wer­den konn­ten. Gera­de des­halb soll­te ein Schwer­punkt der Kurz­ta­gung dar­auf lie­gen, ver­schie­de­ne Unter­su­chungs­per­spek­ti­ven zu dis­ku­tie­ren und am Roman aus­zu­pro­bie­ren.

Auf­grund unse­rer pro­duk­ti­ven Erfah­rung und der posi­ti­ven Reso­nanz der Teil­neh­men­den wün­schen wir uns eine erneu­te Auf­la­ge die­ses Ver­an­stal­tungs­for­mats. Haben wir bei der ver­gan­ge­nen Ver­an­stal­tung einen klas­si­schen Text der Lite­ra­tur­ge­schich­te behan­delt, soll sich unse­re Neu­gier­de nun­mehr einem Text der Gegen­warts­li­te­ra­tur zuwen­den.