Das fünfte Buch (2013)

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Allgemeines

Finan­ziert durch die Initia­ti­ve ‚Sti­pen­dia­ten machen Pro­gramm‘ der Stu­di­en­stif­tung des deut­schen Vol­kes e.V., fand der Work­shop zu Alex­an­der Klu­ges Das fünf­te Buch (2012) am 27. und 28. April 2013 im Ber­li­ner Büro der Stu­di­en­stif­tung statt.

Orga­ni­sa­ti­on: Jan Lietz, Wolf­gang Hott­ner, Micha Huff, Ama­de­us Haux
Gast: Dr. Phil­ipp Ekardt
Teil­neh­men­de: Alex­an­der Bro­ed­ner (Ber­lin), Rafa­el Dern­bach (Maas­tricht), Anton Plusch­ke (Ber­lin), Doro­thea Sawon (Ber­lin), Nele Solf (Ber­lin), Anna-The­re­sia Bohn (Ber­lin), Moritz Gan­sen (Ber­lin), Lisa Mül­ler (Ber­lin), Lucas Amo­ri­el­lo (Ber­lin), Hen­ri Lüt­ke­mei­er (Ber­lin), Max Köh­ler (Ber­lin).


Ankündigung

Seit der Wie­der­ver­öf­fent­li­chung frü­he­rer Tex­te in der Chro­nik der Gefüh­le (2000) ist Alex­an­der Klu­ge, ver­stärkt durch die Viel­zahl der fol­gen­den Publi­ka­tio­nen, nicht nur in die lite­ra­ri­sche Öffent­lich­keit zurück­ge­kehrt. Die­se Prä­senz hat ein inten­si­ves lite­ra­tur- und medi­en­wis­sen­schaft­li­ches Inter­es­se an Klu­ges Arbeit her­vor­ge­ru­fen: das breit ver­äs­tel­te Werk von Fil­men, theo­re­ti­schen sowie lite­ra­ri­schen Tex­ten und Fern­seh­pro­duk­tio­nen bil­det einen ästhe­ti­schen Mikro­kos­mos, der zu einer metho­do­lo­gi­sch breit gefä­cher­ten Aus­ein­an­der­set­zung ein­lädt.

Das fünf­te Buch (2012) reiht sich in das für Klu­ge zen­tra­le For­mat der Lebens­läu­fe ein: „Für Men­schen sind Lebens­läu­fe die Behau­sung, wenn drau­ßen Kri­se herrscht.“ Eine sol­che Art von Behau­sung liegt jen­seits offi­zi­el­ler Erzäh­lun­gen, wie etwa derer von Kar­rie­re: sie ist der Ort des sub­jek­ti­ven Gefühls und des­sen Aus­for­mung im mensch­li­chen Eigen­sinn. Von die­sem Ort aus schreibt Klu­ge sei­ne eige­ne Art von Geschichte(n), deren mul­ti­me­dia­le Tief­schich­tig­keit wir im Kol­lo­qui­um dis­ku­tie­ren wol­len.

Nach­dem wir uns im letz­ten Früh­ling mit Goe­thes Wahl­ver­wandt­schaf­ten (1809) beschäf­tigt haben, wol­len wir uns in die­sem Jahr einem zeit­ge­nös­si­schen Autor zuwen­den. Dabei soll eine dop­pel­te Per­spek­ti­ve ein­ge­nom­men wer­den: zum einen wol­len wir aus­ge­wähl­te Pas­sa­gen aus Das fünf­te Buch kon­zen­triert lesen und dis­ku­tie­ren, zum ande­ren soll dar­über ein Zugang zu einer all­ge­mei­nen Dis­kus­si­on von Klu­ges Werk ermög­licht wer­den.


Reader
  • Ben­ja­min, Wal­ter: Der Erzäh­ler, GS II.2, S. 438–465.
  • Ben­ja­min, Wal­ter: Erfah­rung und Armut, GS II.1, S. 213–219.
  • Birk­mey­er, Jens: Zeit­zo­nen des Wirk­li­chen, Maß­geb­li­che Momen­te in Alex­an­der Klu­ges Erzähl­samm­lung »Dezem­ber«, in: Heinz Lud­wig Arnold [Hrsg.]: TEXT+KRITIK 85/86, Mün­chen 2011, S. 66 – 75.
  • Ekardt, Phil­ipp: Star­ry Ski­es and Fro­zen Lakes. Alex­an­der Kluge’s Digi­tal Con­stel­la­ti­ons. In: Octo­ber 138 (Fall 2011), S. 107–119.
  • Ekardt, Phil­ipp: Returns of the Archaic, Reser­ves for the Future. A Con­ver­sa­ti­on with Alex­an­der Klu­ge. In: Octo­ber 138 (Fall 2011), S. 120–132.
  • Ekardt, Phil­ipp: Digi­ta­le Evo­lu­ti­on Film – Inter­view mit Alex­an­der Klu­ge In: Spex. Maga­zin für Pop­kul­tur. Nr. 329, November/Dezember 2010, S. 40–44.
  • Klu­ge, Alex­an­der: Wer sich traut, reißt die Käl­te vom Pferd, DVD mit Book­let, BRD 2010.
  • Klu­ge, Alex­an­der / Rich­ter, Ger­hard: Dezem­ber, Ber­lin 2010.
  • Lehr, Andre­as: Klei­ne For­men: Kon­stel­la­ti­on / Kon­fi­gu­ra­ti­on, Mon­ta­ge und Essay bei Theo­dor W. Ador­no, Wal­ter Ben­ja­min und ande­ren, Mün­chen 2003.
  • Men­ninghaus, Win­fried: Geschich­te und Eigen­sinn, Zur Her­me­neu­tik-Kri­tik und Poe­tik Alex­an­der Klu­ges, in: Eggert, Hart­mut / Pro­fit­li­ch, Ulrich / Scher­pe, Klaus R. [Hrsg.]: Geschich­te als Lite­ra­tur, For­men und Gren­zen der Reprä­sen­ta­ti­on von Ver­gan­gen­heit, Stutt­gart 1990, S. 258–272.
  • Stieg­ler, Bernd: Die Rea­li­tät ist nicht genug, Alex­an­der Klu­ges prak­ti­sche Theo­rie und theo­re­ti­sche Pra­xis der Mon­ta­ge, in: Heinz Lud­wig Arnold [Hrsg.]: TEXT+KRITIK 85/86, Mün­chen 2011, S. 52–58.
  • Stoll­mann, Rai­ner: Die Ent­ste­hung des Schön­heits­sinns aus dem Eis, Gesprä­che über Geschich­ten mit Alex­an­der Klu­ge, Ber­lin 2005.
  • Vogt, Lud­ge­ra: Der mon­tier­te Lebens­lauf, Sozio­lo­gi­sche Refle­xio­nen über den Zusam­men­hang von Klu­ges »Lebens­läu­fen« und der Form des Bio­gra­phi­schen in der Moder­ne, in: Schul­te, Chris­ti­an [Hrsg.]: Die Schrift an der Wand. Alex­an­der Klu­ge: Roh­stof­fe und Mate­ria­li­en, Osna­brück 2000, S. 139–153.

Bericht

Am Wochen­en­de des 27. und 28. Aprils 2013 haben wir im Rah­men von ‚Sti­pen­dia­ten machen Pro­gramm‘ ein lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­ches Kol­lo­qui­um zu Alex­an­der Klu­ges Das fünfte Buch ver­an­stal­tet, zu dem sich sech­zehn Stu­die­ren­de aus Ber­lin durch Unterstützung des Ber­li­ner Büros der Stu­di­en­stif­tung im Kon­fe­renz­raum „Tau­ben­schlag“ ein­fan­den. An zwei Tagen hat­ten wir die Gele­gen­heit über Klu­ges letz­te Ver­öf­fent­li­chung von grö­ße­rem Umfang zu dis­ku­tie­ren und dabei in unse­ren Gesprä­chen von Dr. Phil­ipp Ekardt, einem aus­ge­wie­se­nen Ken­ner von Klu­ges fil­mi­schem sowie lite­ra­ri­schem Werk, beglei­tet zu wer­den. Nach der Begrü­ßung der Teil­neh­men­den und Dr. Ekardts durch Jan Lietz, eröff­ne­te Wolf­gang Hott­ner mit eini­gen ein­füh­ren­den Über­le­gun­gen zu poe­to­lo­gi­schen Aspek­ten und zum für Klu­ge zen­tra­len The­ma des Lebens­laufs die Dis­kus­si­on. Lebens­läu­fe gel­ten bei Klu­ge nicht allein als sub­jek­ti­ve ‚Gefä­ße für Erfah­run­gen‘, son­dern haben eine poe­to­lo­gi­sche Valenz hin­sicht­li­ch der lite­ra­ri­schen Form sei­ner Tex­te: ‚Lebens­läu­fer‘ sind die Prot­ago­nis­ten jener Kurz­er­zäh­lun­gen Klu­ges, deren ‚Eigen­sinn‘ sodann im Kon­text zahl­rei­cher par­al­le­ler Erzäh­lun­gen unge­ahn­ten Bedeu­tungs­über­schuss gene­riert.

Die­se Grund­kon­stel­la­ti­on von Klu­ges Poe­tik konn­ten wir durch zwei Refe­ra­te anrei­chern, die Teil­neh­mer im Vor­feld des Kol­lo­qui­ums auf unse­ren Auf­ruf hin anbo­ten. Den Aspekt des Lebens­lau­fes als Text­form unter­such­te Lucas Amo­ri­el­lo bezüg­li­ch sei­ner sozio-his­to­ri­schen, geschichts­phi­lo­so­phi­schen und auch ästhe­ti­schen Impli­ka­tio­nen vor dem Hin­ter­grund zwei­er Tex­te Wal­ter Ben­ja­mins. Ben­ja­mins Befund eines zuneh­men­den Ver­lus­tes der Mög­lich­keit erzähl­ba­rer Erfah­run­gen – er ver­or­tet dies in den sozio-öko­no­mi­schen Umwäl­zun­gen der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on und sieht den ers­ten Welt­krieg als Chif­fre für deren Kul­mi­na­ti­on – steht dabei im Kon­trast zu Klu­ges poe­to­lo­gi­schem Opti­mis­mus, dass Erzäh­lun­gen unter allen Umstän­den möglich sind. Klu­ges Kon­se­quenz aus der ansons­ten kon­gru­en­ten mar­xis­ti­schen Geschichts­kon­struk­ti­on scheint sich sodann auch nicht auf der Ebe­ne der kleins­ten erzäh­le­ri­schen Ein­heit (die bei Klu­ge intakt bleibt) zu voll­zie­hen, son­dern auf der makro­struk­tu­rel­len Ebe­ne, die jene klei­ne­ren Text­ein­hei­ten ins Ver­hält­nis setzt.

Hier­zu refe­rier­te Jan Lietz eini­ge Grund­la­gen zum Begriff der Mon­ta­ge. Dies betrifft nicht allein die für Klu­ges Bücher aus­ge­spro­chen rele­van­te Text-Bild-Rela­ti­on; viel­mehr cha­rak­te­ri­sie­ren sich auch sei­ne Klein­er­zäh­lun­gen durch eine Par­al­le­läs­the­tik, die sich zwi­schen den jewei­li­gen Ein­hei­ten abspielt. Die Schnitt­stel­le zwi­schen ver­schie­de­nen Erzäh­lun­gen mar­kiert in die­ser Hin­sicht eine Erschüt­te­rung jener Anschau­lich­kei­ten, die die je ein­zel­nen Tex­te pro­du­zie­ren: Mon­ta­ge wird als ‚Dif­fe­renz­tech­nik‘ auf­ge­fasst, die eine nicht-anschau­li­che, dia­lek­ti­sche Zwi­sche­n­äs­the­tik dar­stellt. Die Zusam­men­hangs­ka­te­go­rie des makro­tex­tu­el­len Pro­jekts ist also dezi­diert anti-roma­nesk und zugleich anti­frag­men­ta­ri­sch, da „der dicho­to­mi­sche Kon­tra­punkt des Gesamt­werks“ (Ekardt) fehlt. Viel­mehr ver­steht sich Klu­ges Form als Suche nach ‚robus­ten‘ Ver­fah­ren moder­ni­täts­af­fi­ner und doch auch huma­ner Dar­stel­lung von Erfah­run­gen und Zusam­men­hän­gen.

Nach­dem der Sams­tag dem Erar­bei­ten eines gemein­sa­men Ver­ständ­nis­ho­ri­zon­tes von Klu­ges Text­pro­jekt gedient hat­te, kon­zen­trier­ten wir uns am Sonn­tag sodann auf kon­kre­te Text­ar­beit und beschäf­tig­ten uns dabei mit dem Leit­the­ma der ‚Käl­te‘. Klu­ges lite­ra­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit die­ser nimmt ihren Aus­gang bei sozi­al­theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen Theo­dor W. Ador­nos, die er in sei­nem Text Erzie­hung nach Ausch­witz anriss. Ador­nos Desi­de­rat einer ‚Theo­rie der Käl­te‘, das Klu­ge durch die Ein­pfle­gung per­sön­li­cher Brie­fe doku­men­tiert, soll­te die in Käl­te erstarr­te bür­ger­li­che Befind­lich­keit als Mög­lich­keits­be­din­gung des Holo­caust zur Dar­stel­lung brin­gen. Der Käl­te als Meta­pher der Moder­ne eig­net dadurch außer­or­dent­li­che Schwe­re; und es zeigt sich, dass Klu­ges Arbeit in Text, Bild und Film unter strengs­tem Aus­schluss jed­we­der Sen­ti­men­ta­li­tät immer wie­der um Stra­te­gi­en kreist, der Käl­te die Stirn zu bie­ten. Dies zeigt sich bei­spiels­wei­se in der viel­deu­ti­gen Ver­wen­dung des Wort­fel­des „woh­nen“ oder in den epis­te­mo­lo­gi­schen Impli­ka­tio­nen, die dem ‚Gefühl‘ als pri­mor­di­alem Unter­schei­dungs­ver­mö­gen zukom­men: Erkal­tet das Gefühl, so ist auch der Intel­lekt sei­ner Dif­fe­ren­zie­rungs­fä­hig­keit beraubt.

Dies führ­te die Dis­kus­si­on zuletzt hin auf Klu­ges media­le Per­so­na wie auch auf sei­ne phi­lo­so­phi­sch-poli­ti­sche Selbst­be­schrei­bung. Grund­le­gend scheint dabei sein Befund, dass im Kon­text der ‚Käl­te‘ der sozia­le Mög­lich­keits­sinn erstarrt und güns­ti­ge Augen­bli­cke imma­nen­ten Glü­ckes oder der Abwen­dung von Kata­stro­phen ver­strei­chen. Klu­ges Gegen­stand und Poe­ti­ken die­nen vor die­sem Hin­ter­grund nicht zuletzt his­to­rio­gra­phi­sch der Ver­füg­bar­hal­tung ver­gan­ge­ner Ver­spre­chen sowie poli­ti­sch der Ein­for­de­rung ver­gan­ge­ner Zukünf­te. An die­ser Stel­le wur­de indes die Kri­tik ange­bracht, dass Klu­ges Erzäh­ler eine Auto­ri­tät ver­kör­pert, die zum einen nicht hin­ter­fragt wird und zum ande­ren gele­gent­li­ch mit frag­wür­di­gen ideo­lo­gie­träch­ti­gen Seman­ti­ken ope­riert.

Im Ver­gleich zur Abschluss­dis­kus­si­on des Vor­jah­res, die sich vor dem Hin­ter­grund von Goe­thes Ro man Die Wahl­ver­wandt­schaf­ten mit der Selbst­ver­or­tung der gegen­wär­ti­gen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft befass­te, ende­te das Frühjahrskolloquium 2013 deut­li­ch kon­tro­ver­ser. Trotz der pro­gram­ma­ti­schen Zurück­hal­tung und (vor­geb­li­chen) for­mel­len Schlicht­heit von Alex­an­der Klu­ges Erzähl­stil, erwies Klu­ge sich in der Dis­kus­si­on als dezi­diert poli­ti­scher Autor der Gegen­wart, der zu diver­gie­ren­den Posi­tio­nie­run­gen der Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer ein­lud. (Text: Micha Huff)